Stadtrundgang zur Geschichte jüdischen Lebens in Herford

Am 29. Mai 2001 hatten interessierte Lehrer und Lehrerinnen des Wilhelm-Normann-Berufskollegs die Gelegenheit, an einer Führung durch Herrn Christoph Laue vom Kommunalarchiv Herford teilzunehmen.



Zur Geschichte der Juden in Herford

Ab dem elften Jahrhundert lebten Menschen jüdischen Glaubens in Westfalen. Sie waren aus dem Rheinland wegen der Pogrome während des ersten Kreuzzuges geflohen. Ab 1306 gibt es erste urkundliche Nachweise für Juden in Herford. Die Juden dienten dort auch als Geldgeber für die Abtei. Stift und Stadt gewährten damals die Niederlassung von Juden gegen Zahlung von Steuern. Den Juden wurde keine freie Berufswahl zugestanden, so dass sie vor allem als Fernhändler und Geldverleiher, Trödler und Knechte tätig wurden.

In den Jahren 1348 und 1349 wurden die Juden in Deutschland (auch in Herford) zu Tausenden gefoltert, erschlagen oder verbrannt; die Überlebenden mussten Deutschland verlassen; ihre Habe wurde eingezogen (geplündert). Man machte sie für die Pestepidemie, die Deutschland zu dieser Zeit entvölkerte, verantwortlich. Den Juden wurde unterstellt, Brunnen, Flüsse und Seen vergiftet zu haben.

Seit 1357 hat die Stadt Herford wieder Menschen jüdischen Glaubens in ihren Mauern geduldet. Der Große Kurfürst siedelte im Jahre 1647 fünf jüdische Familien (20 bis 25 Personen) in Herford an und schützte sie gegen Gewalttaten. Juden gehörten nämlich seit dem Stauferkaiser Friedrich II (1212 – 1250) dem Kaiser persönlich ("Kammerknechte des Kaisers") die Landesherren übten quasi in seinem Auftrag Aufsichtsrechte über die Juden aus. Die Äbtissinnen erlaubten die Ansiedlung von Juden, wenn diese ausreichend Besitz nachweisen konnten. Sie mussten hohe Abgaben an die Abtei leisten. Juden waren zahlreichen Restriktionen ausgesetzt: Sie hatten keine freie Wohnortwahl; Kauf, Pacht und Bewirtschaftung von Land waren ihnen verwehrt, dazu kamen die drückenden Abgaben. Ein Lehrer und ein Friedhof wurde ihnen zugestanden; der Schutz, der ihnen gewährt wurde, war ständig aufhebbar. Der Bau einer Synagoge war ihnen verboten; sie besaßen lediglich einen Betraum. Die Herforder Gilden und Zünfte versuchten, ortsansässige Juden vom Handel und vom Schlachten auszuschließen. Die jüdische Existenz im 14. – 17. Jahrhundert war geprägt durch Isolation und ein äußerst ärmliches Dasein mit stets ungewisser Zukunft.

Im November 1806 fiel das Fürstentum Minden mit der Grafschaft Ravensberg an Napoleon. Es kam zur Bildung des Königreichs Westfalen unter dem Regenten Jérœ me, durch den die französische Emanzipation auch in Herford Einzug hielt. Dadurch gab es ab 1808 endlich das uneingeschränkte Niederlassungsrecht für Juden, und der Bau einer Synagoge wurde erlaubt. Die jüdische Gemeinde in Herford wuchs bis auf 300 Mitglieder an (ca. 1 % der Bevölkerung). Die jüdischen Herforder waren vor allem als Händler tätig. Daraus gingen mehrere große Industrie-unternehmen hervor. Der Aufbau der Herforder Bekleidungsindustrie wäre kaum ohne den jüdischen Beitrag denkbar.

1813 fiel Herford wieder an Preußen, und die Juden wurden durch das preußische Recht in ihren neugewonnenen Freiheiten eingeschränkt. Die Gleichstellung der Juden mit vollständigen Bürgerrechten erfolgte erst im Jahr 1869.

47 jüdische Herforder kämpften im Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite mit. Die loyale und patriotische Haltung der deutschen Juden, die während des ersten Weltkrieges prozentual mehr Männer als die Mehrheitsbevölkerung aufgeboten und durch Tod verloren hatten, schützte sie nicht vor Diffamierungen nach dem Krieg.

Die Zahl der Juden sank nach dem Ersten Weltkrieg durch Abwanderung in die Städte und industriellen Zentren wieder ab. 1933, zur Zeit der Machtübernahme der Nationalsozialisten, lebten noch 191 Menschen jüdischen Glaubens in der Gemeinde. Ab 1933 boykottierten viele Herforder die jüdischen Geschäfte und der Druck auf die jüdische Bevölkerung nahm immer mehr zu. Insgesamt wurden in den Jahren 1937 – 1940 von 95 HerforderInnen Ausreiseanträge gestellt. Tatsächlich gelang es nur 72 von ihnen, unter schwierigsten Bedingungen die Stadt zu verlassen, die Übrigen blieben. Sie konnten sich nicht vorstellen, wozu eine ehemals zivilisierte Gesellschaft im Stande war. Es folgten Enteignungen (im Rahmen der "Arisierung"), Berufsverbote, Schulverbote, Abbrennen der Synagoge, Schikanen, Stigmatisierungen und Demütigungen, Ermordungen, Deportationen in Vernichtungslager und osteuropäische Ghettos (größtenteils nach Theresienstadt und Riga). 1944 erfolgten die letzten Transporte von sogenannten "Halbjuden" in Arbeits- und Konzentrationslager. 90 direkt aus Herford stammende Menschen wurden ermordet.

Nach 1945 bildeten ungefähr 10 bis 15 Menschen eine neue jüdische Gemeinde in Herford. Für einen jüdischen Gottesdienst sind zumindest 10 Männer notwendig. Die jüdische Gemeinde in Herford entschied sich für einen Zusammenschluss mit der Gemeinde Detmold. In den letzten Jahren erhielt die jüdische Gemeinde durch jüdische Auswanderer aus der ehemaligen Sowjetunion einen stärkeren Zuwachs. Heute leben etwa 40 Mitglieder in der Jüdischen Kultusgemeinde Herford-Detmold.

  1. Jüdischer Friedhof
  2. Dieser Friedhof existiert seit 1679. Er wurde damals von einer Äbtissin erworben. Der Friedhof lag außerhalb des damaligen Herforder Zentrums ( jüdische Friedhöfe wurden grundsätzlich immer außerhalb der Stadtzentren angelegt). Vermutlich war dies nicht der erste jüdische Friedhof in Herford.

    Entsprechend der jüdischen Tradition gehört jedem Toten der Boden, in dem er bestattet ist (heilige Totenruhe bis zur Endzeit). Im Gegensatz zu christlichen Gräbern werden diese also nicht eingeebnet. Die Gräber sind so angeordnet, dass die Toten mit den Füßen in Richtung auf Jerusalem liegen. Auf den ältesten Grabsteinen wurde die Inschrift nur in hebräischer Sprache eingraviert. Später versah man die Grabsteine auf der Ostseite mit einer Innschrift in hebräischer Sprache und auf der Rückseite in deutscher Sprache. Die Darstellungen von Menschen auf Grabsteinen ist eigentlich nicht zulässig (lediglich Symbole und Tiere), doch auf einem Grab ist eine steinerne Frauenbüste zu sehen, was als Zeichen der Assimilation gewertet werden kann. Ebenso sind auf einigen Gräbern Blumen angebracht worden, was eher ungewöhnlich ist, denn die jüdische Tradition verbietet Schmuckelemente wie Blumen und Kränze auf Friedhöfen (als Zeichen der Vergänglichkeit des Lebens). Die meisten Grabsteine auf jüdischen Friedhöfen sind relativ schlicht. Hier enden die sozialen Unterschiede.

    1941 hat die Stadt Herford das Gelände des jüdischen Friedhofs gekauft. Die Kapelle (die um die Jahrhundertwende gebaut worden war) wurde als Wohnung für Familien von NSDAP-Mitgliedern umgebaut. Über das Friedhofsgelände sollte eine Umgehungsstraße gebaut werden.

    Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde in der Synagoge eine Namensliste von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde, die während der Nazidiktatur ermordet worden waren, angebracht. Viel Zeit verging, bis man sich in Herford mit diesem düsteren Kapitel der Vergangenheit auseinandersetzte. Seit ca. zwei Jahren gibt es auf dem jüdischen Friedhof einen Gedenkstein, auf dem 59 jüdische Menschen aus dem Landkreis Herford, als Opfer der Gewalt namentlich genannt werden. Außerdem werden hier 110 Namen von Herforder Juden mit dem Datum ihrer Deportation aufgeführt.

    Die Gärtnerei Kölling in der Friedhofstraße ist für die Pflege des Friedhofs zuständig. Hier ist nach Absprache auch der Schlüssel für das Friedhofstor erhältlich.

  3. Tagesklinik unter den Linden (Backsteinhaus)
  4. Hier befand sich die Städtische Handelsschule Herford. Sie hatte zwei nationalsozialistisch engagierte Schulleiter (Herrn Flörke und Herrn Klawitter), die sich bereits vor den allgemeinen Schulverboten für Juden dafür einsetzten, dass Juden vom Besuch der Berufsschule ausgeschlossen werden sollten. Der Schulleiter Klawitter schrieb an den damaligen Oberbürgermeister: "Es kann auch den Lehrkräften der Schule nicht zugemutet werden, in ihrem Unterrichtsstoff und der Art der Darstellung Rücksicht auf einen oder zwei Juden in der Klasse zu nehmen und unsere Jugend in verwässertem Nationalsozialismus zu erziehen. Ich muss in diesem Zusammenhang betonen, dass es keine Unterrichtsstoffe gibt, die nicht von nationalsozialistischem Gedankengut durchdrungen sein müssen ...".

    Der Reichserziehungsminister genehmigte dies jedoch nicht, da die Pflicht zum Besuch der Berufsschule auch für Juden fortbestehe. Somit richtete die Stadt Herford an der kaufmännischen Berufsschule eine Sammelklasse für die jüdischen Schüler ein. Sie waren, soweit dies bekannt war, alle bei jüdischen Betrieben in der Ausbildung. Die Lehrherren der jüdischen Schüler hatten erhebliche Berufsschulbeiträge aufzubringen. Die gewerblichen jüdischen Lehrlinge erhielten keinen qualifizierten Unterricht mehr, denn die Handwerkslehrlinge wurden gemeinsam mit den kaufmännischen Lehrlingen von dem 65 Jahre alten jüdischen Diplom-Kaufmann Albert Ostwald unterrichtet, dessen eigene Schule 1933 geschlossen worden war. Der Schulleiter Flörke begrüßte diese Schließung. Es hat Flörke wahrscheinlich gestört, dass er "nur" einer kaufmännischen Berufsschule als Leiter vorstand, während die einzige Handelsschule in Herford eine Privatschule war, die zudem noch einen jüdischen Inhaber (Albert Ostwald) hatte.

    Am 15. November 1938 wurde dann generell allen jüdischen Kindern der Besuch deutscher Schulen untersagt." Es ist deutschen Schülern nicht zuzumuten, neben jüdischen Schülern zu sitzen nach der Bluttat in Frankreich" (Attentat auf den deutschen Legationssekretär von Rath in Paris).

    Am 7. November 1938 verübte der 17 jährige Herschel Grünspan in Paris ein Attentat auf den Gesandschaftsrat Ernst von Rath. Der Attentäter war jüdischer Herkunft. Das Attentat wird als eine Reaktion auf die nationalsozialistische Politik gegen die jüdische Bevölkerung beurteilt. Schließlich war Grünspans Familie von der Ausweisung zahlreicher polnischer Juden, die bis dahin in Deutschland gelebt hatten, betroffen.

  5. Fauler Steg

  6. Hier war der Sitz der Herforder Freimaurerloge. Die Loge, der auch jüdische Bürger angehörten, wurde 1934 aufgelöst. Freimaurer wurden in ganz Deutschland nicht nur wegen ihres Freimaurertums, sondern vor allem wegen ihrer freiheitlichen, dem Regime entgegengesetzten Haltung verfolgt. (Es war die Rede von der "jüdischen Freimaurerei".) Die NSDAP richtete dort ihre Kreisleitung ein. 1934 wurde das Gebäude zur Kreisparteischule der NSDAP umgebaut. In NS-Kreisen heißt es: "Nordisch ist das Weltbild des Nationalsozialismus, orientalisch-jüdisch das der Freimaurer, rassebewusst die nationalsozialistische Einstellung gegenüber der antirassischen und projüdischen des Logentums. Die Gemeinschaft des Nationalsozialismus ist das lebendige Gefüge artverwandter Volksgenossen, die Volksgemeinschaft, nicht der Kastengeist und Interessenklüngel des in den Logen organisierten Bürgertums. Der Nationalsozialismus setzt einen bedingungslosen völkischen Nationalismus dem kosmopolitischen Internationalismus der Freimaurer entgegen. Der Ausrichtung des deutschen Volkes auf die Grundbegriffe des Nationalsozialismus standen die Lehrarten und Erziehungssysteme der Freimaurer mit ihren artfremden Symbolen und ihrem jüdischen Tempeldienst entgegen."

    1946 erfolgte die Rückgabe des Gebäudes an die Loge.

  7. Lessingstraße
  8. Die Lessingstraße hieß bis 1904 Judenstraße ("Jodenstraat"). Dies ist durchaus vorstellbar, da die Judenstraße außerhalb der damaligen Stadtmauern lag. Mit Sicherheit deutet dieser Name auf die mittelalterliche Judensiedlung in Herford hin, die 1350 vernichtet wurde. In dem Stadtplan Herfords aus dem Jahre 1638 ist die Judengasse in der Nähe des Renntors verzeichnet. Der Magistrat taufte 1904 auf dringenden Wunsch der Anwohner die Straße in Lessingstraße um (zur Erinnerung an den jüdischen Dichter Gotthold Ephraim Lessing). Die Maßnahme rief scharfe Kritik in der Stadtverordneten-Versammlung hervor.

    Auch die Tribenstraße hieß vermutlich früher Judenstraße.

  9. Seniorenzentrum "Haus unter den Linden"
  10. In diesem Haus befand sich bis 1940 das Heimatmuseum. Hier wurde Geschichts-forschung durch den Herforder Heimatverein betrieben. Man beschäftigte sich auch wohlwollend mit der Geschichte der jüdischen Herforder. So hieß es z.B. in dem Herforder Heimatblatt (1/1932): "So haben die Herforder Juden im Frieden und im Krieg danach gestrebt, nach den Worten des großen Kurfürsten "zu des Landes Besten und Aufnahme" zu wirken, getreu der Mahnung des Propheten "Suchet das Wohl der Stadt, in der ihr wohnet; denn ihr Wohl ist auch euer Wohl"."

    Bald war aber auch der Heimatverein antisemitisch geprägt. In den Westfälischen Neuesten Nachrichten (vom 19./20. Juni 1943) erschien ein Artikel, der Juden nur als Geldgeier darstellte. In dem Artikel werden die Häuser, die damals in "Judenhänden" befindlich waren, aufgezählt und auf einer Karte dargestellt. Dieser Hausbesitz in "jüdischen Händen" wird in höchstem Maße als Unrecht beklagt ("Es ist ein wahrhaft erschütterndes Bild der Zustände ...".)

  11. Haus Bügelstraße 5 (Ecke Tribenstraße)
  12. Hier gab es ursprünglich die Schlachterei Löwenstern. Man wollte den Schlachter aufgrund seines jüdischen Glaubens nicht dulden. Bereits im Mittelalter kam es zu Auseinandersetzungen mit der Knochenhauergilde. Die Menge der Tiere, die geschlachtet und von den Juden öffentlich verkauft werden durfte, wurde so festgesetzt, dass eine Konkurrenz zu den organisierten Schlachtern ausgeschlossen war.

    1938 erhielt der Schlachter Rolf Löwenstern ein Gewerbeverbot.

    (Ab dem 01. Januar 1939 wurde es Juden verboten, Geschäfte und Gewerbebetriebe innezuhaben ["Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben"]. Außerdem wurde es ihnen mit dieser Verordnung untersagt, als Betriebsführer oder leitende Angestellte in Wirtschaftsunternehmen tätig zu sein. Mit der Kündigung verloren sie alle Ansprüche auf Versorgung und Abfindung.)

    Rolf Löwenstern wurde im Zuge der "Arisierung" enteignet und in das Warschauer Ghetto deportiert. Bis zuletzt hat er noch Briefe aus dem Ghetto an Freunde in Herford geschrieben. Rolf Löwenstern ahnte bereits, dass er den zweiten Weltkrieg wahrscheinlich nicht überleben würde. Er wurde schließlich in das Vernichtungslager Theresienstadt deportiert. Die Familie Löwenstern ist fast völlig ausgelöscht worden. Nur der Tochter Else, am 23. Januar 1899 in Herford geboren und Krankenschwester von Beruf, gelang die Flucht in die USA.

    Ende des 19. Jahrhunderts wohnte auch der liberal eingestellte Rabbiner Dr. Hulisch in der Bügelstraße 5. Die Liberalen hatten Dr. Hulisch zu den Stadtverordneten-wahlen aufstellen lassen. Er war als Kandidat bestätigt worden. Seine Partei nötigte ihn jedoch anschließend zur Zurücknahme seiner Kandidatur, da er Jude sei, obwohl ihm für politische Aufgaben besondere Fähigkeiten zugeschrieben wurden.

  13. Haus Brüderstaße 38
  14. Dies war das Krameramtshaus bzw. Kramergildehaus. Seit dem Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert kam es hier immer wieder zu Konflikten mit Händlern jüdischen Glaubens. Da Juden bereits seit dem Mittelalter die freie Berufswahl untersagt war, waren sie weitgehend auf Händlertätigkeiten festgelegt. Hier bildeten sie für die anderen Händler eine große Konkurrenz. Man schränkte also auch in diesem Bereich die Aktivitäten der jüdischen Händler auf Pfandleihe und Trödelhandel ein. Viele jüdische Händler verarmten im 18. Jahrhundert durch Bestrafungen und Handelseinschränkungen.

  15. Brüderstraße 40
  16. In diesem Haus beginnt die Geschichte der Familie Elsbach. Die Gebrüder Elsbach waren in ihrer Jugend mit umherziehendem Handel (Hausiergewerbe) groß geworden. Später gründeten sie eine Wäschefabrik und außerdem eine Fabrik für Arbeitskleidung. Dies war die Basis für einen noch heute wichtigen Herforder Industriezweig. Es war damals die größte Wäschefabrik Europas. Die expandierende Fabrik wurde weiter ausgebaut, so zum Beispiel in der Goebenstraße. Die Gebrüder Elsbach hatten frühzeitig die Hinwendung des Marktes zur Massenherstellung anstelle der früheren Einzelfertigung erkannt. Durch sie kam die Heimarbeit und die Wäschenäherei in Heimarbeit in diesem Bezirk erst richtig zur Blüte. Die Firma und der Wohnsitz wurden der Familie im Zuge der "Arisierung" genommen. Die Firma in der Goebenstraße und das alte Postgebäude ist jetzt im Besitz der Firma Ahlers. Durch den Namen `Elsbach΄ am Bahnhofsportal und das Hinweisschild an dem früheren Fabrikhauptgebäude (heute Hauptpost, Goebenstraße) wird an die Gründer der großen Wäschefabrik erinnert.

    Der ausgewanderte Kurt Elsbach konnte 1947 in die Firmenleitung zurückkehren, starb aber 1954. Käthe Maass, geborene Elsbach, wurde im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

     

  17. Haus Gehrenberg 15
  18. Dieser Geschäftssitz war seit dem 18. Jahrhundert in jüdischem Besitz. Eva Seligmann, die geschiedene Tochter des ersten Betreibers Joel Phillip, kämpfte 1806, nach dem Tod ihrer Mutter, um die Weiterführung des Geschäftes für Mode und Kurzwaren, obwohl ihr das als Frau und Jüdin verweigert wurde. Eva Seligmann ist das erste Herforder Beispiel einer alleinstehenden, wirtschaftlich erfolgreichen Handelsfrau, der es zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelingt, ihre persönliche Existenz und wirtschaftliche Unabhängigkeit trotz aller Widerstände zu bewahren.

    Anschließend betrieben die Familien Burgheim, Weinberg und Rafaelson hier verschiedene Geschäfte, bis schließlich die Familie Herzfeld 1899 an dieser Stelle ein großes Textilhaus eröffnete. Vor der Reichspogromnacht wurde die Situation für die Familie Herzfeld zunehmend bedrohlicher. Unter dem Druck der damaligen Situation verkaufte die Familie Herzfeld das Geschäft mit Warenbestand weit unter dem eigentlichen Wert an Franz Klingenthal. Wegen der Vermögenssperre und verschiedenen Abgaben konnte Paul Herzfeld lediglich 3 % des Erlöses retten. Die Familie Herzfeld musste notgedrungen mit Hilfe dieses geringen Geldertrags nach Südamerika auswandern. Auch die Entschädigung nach 1945 blieb weit unter dem eigentlichen Wert. Die Firma Klingenthal behauptete, das Geschäft sei 1938 von Herrn Klingenthal gegründet worden. Das im Krieg zerstörte Gebäude wurde durch Klingenthal 1953 neu errichtet.

  19. Haus Johannisstraße 11
  20. Hier befand sich das erste Schulgebäude der jüdischen Herforder, das im 17./18. Jahrhundert auch als Bethaus genutzt wurde. Das Judentum beinhaltet die Pflicht zum Lernen. Entsprechend dem jüdischen Glauben sind Bildung, Lernen und die Kenntnis der hebräischen Sprache Vorraussetzung für das Verständnis der 5 Bücher Mose. Die Pflicht zur Bildung besteht ab dem fünften Lebensjahr. Diese Tradition führte zu einem überdurchschnittlich hohen Bildungsgrad der jüdischen Bevölkerung. Große Teile der Nichtjuden betrachteten diese Tatsache mit Misstrauen und Argwohn.

    Ab 1888 gab es das Bürgerschulwesen, so dass jüdische Schüler (bis 1938) gemeinsam mit christlichen Schülern unterrichtet wurden. Am Friedrichs-Gymnasium waren damals 5 – 7 % der Schüler jüdische Kinder obgleich diese nur 1 % der Bevölkerung ausmachten. Auch dies belegt den hohen Stellenwert der Bildung im Judentum.

  21. Synagoge/Gemeindehaus, Komturstraße 21/23
  22. An diesem Ort wurden wir durch Herrn Rothe, den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Herford empfangen. Er nahm sich viel Zeit, um uns einiges über die Synagoge, den jüdischen Glauben, die Gebräuche und die Entwicklung der jüdischen Gemeinde zu erklären.

    1851 wurde die Synagoge zusammen mit einem kleinen Schulhaus in der Komturstraße eingeweiht. Man errichtete sie bewusst als Zeichen der Bescheidenheit in einem gewissen Abstand von der Straße. Die Synagoge trug im Giebel die Inschrift (auf Hebräisch): "Mein Haus ist ein Bethaus, geheiligt dem Ewigen für alle Völker." Die jüdische Gemeinde in Herford hatte ihre Gottesdienste lange Zeit in gemieteten Häusern halten müssen, ehe die Synagoge erbaut werden konnte. 1892/93 folgten Renovierung, An- und Umbau. 1893 ersetzte man das Schulhaus durch ein größeres Schul- und Gemeindehaus, das noch steht.

    1934 setzten SA-Leute erstmals die Synagoge in Brand. Sie wurden nicht verhaftet, da das damalige Straffreiheitsgesetz "im nationalsozialistischen Übermut gemachte Taten" vergab. Da die Schäden nicht sehr groß waren, konnte die Synagoge nach einigen Reparaturarbeiten wieder genutzt werden.

    In der Nacht des 09. November 1938 (Reichspogromnacht) wurde die Synagoge erneut angezündet und geplündert. Die Feuerwehr schaute nur zu und griff nicht ein. Erst als die umliegenden Gebäude der Färberei durch die Flammen gefährdet waren (Benzinfässer drohten zu explodieren), begann sie mit den Löscharbeiten. Am nächsten Tag sorgten Angehörige der NS-Partei, der Hitlerjugend und der SS für die weitere Zerstörung. Die jüdische Gemeinde wurde dazu gezwungen, Schutt und Mauerreste des Synagogengrundstückes auf eigene Kosten zu beseitigen.

    (In der Reichspogromnacht wurden auch Gewerbebetriebe und Wohnungen beschädigt oder zerstört. Die Schäden mussten auf Kosten der jüdischen Inhaber beseitigt werden. Die Ansprüche, die die Juden an die Versicherungsunternehmen hatten, wurden zugunsten des Reiches beschlagnahmt.)

    Am 30. Oktober 1939 musste die jüdische Gemeinde das Grundstück für 4732,- Reichsmark (ca. 1/10 des eigentlichen Einheitswertes) an die Stadt Herford zur Anlage eines Parkplatzes verkaufen. Nach dem NS-Terror gab die Stadt das Gemeindehaus und Schulgebäude, das die Zerstörungswut überdauert hatte, an die jüdische Gemeinde zurück. Finanzielle Unterstützung zum Wiederaufbau eines Synagogengebäudes o.Ä. hat die Gemeinde jedoch nie erhalten.

    Am 09.11.1978 ist auf dem Gelände der ehemaligen Synagoge ein Gedenkstein enthüllt worden, der an ihre Zerstörung erinnern soll. Dieser Stein wurde von der Stadt Herford nach Abstimmung mit der jüdischen Gemeinde und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit aufgestellt.

    Momentan befindet sich der Gebetsraum im Gemeindehaus. Wir durften den Gebetsraum betreten und dort Platz nehmen. Herr Rothe erklärte uns nun einige Einrichtungsgegenstände der Synagoge.

    Am rechten Pfosten an der Tür einer Synagoge (auch in vielen jüdischen Privathäusern) befindet sich stets eine Mesusa (Hülse) aus Holz, Metall oder Glas, die einen Satz aus dem 5. Buch Mose enthält. Diese Mesusa ist ein mahnendes Zeichen und erinnert daran: "heilige dein Haus".

    Eine Synagoge ist keine Kirche. Sie ist ein Haus der Zusammenkunft. Sie ist ein Haus Gottes, aber kein Gotteshaus, denn Gott kann nicht an einen Ort gebunden werden. In der jiddischen Sprache nannte man die Synagoge "Schul". Hier war es öfters laut, und es wurde häufig angeregt diskutiert.

    Talid heißt der Gebetsmantel. Die Quasten an den vier Ecken des rechteckigen Tuches gelten als Zeichen aus dem 4. Buch Mose: "hören auf Gott". Heute dient der Talid nur noch als sakrales Kleidungsstück während des Gebets.

    Die Kipa ist eine Kopfbedeckung für Männer, die in der Synagoge und auf dem Friedhof getragen werden sollte. Sie ist ein Zeichen der Gottesfurcht und Bescheidenheit vor Gott.

    Die Menora ist ein siebenarmiger Leuchter, der im heiligsten Teil einer Synagoge steht.

    Jede Synagoge hat eine Lampe, die immer brennt (ewige Lampe, früher mit Olivenöl, erinnert an den ersten Leuchter im Tempel). Hier ist die Menora eine elektrische Lampe mit einer kleinen Gedenktafel, die an die Toten von 1933 –1945 in Herford erinnert.

    Für das Chanukkafest (Fest der Lichter) wird ein achtarmiger Leuchter verwendet.

    Die Thorarollen sind Gesetzesrollen. Aus ihnen wird von einem erhöhten Podest (drei Stufen erhöht) im Zentrum der Synagoge gelesen. Die Thorarollen bestehen aus Pergament, die mit tierischen Sehnen zusammengehalten werden. Der Text wird in hebräischer Sprache (von rechts nach links) mit Gänse- oder Truthahnfedern und schwarzer, dauerhafter Tinte handgeschrieben. Eine Person schreibt ungefähr ein Jahr an einer Thorarolle. Diese ist sehr wertvoll und sollte so wenig wie möglich mit der Hand berührt werden. Daher ist sie beidseitig an Griffen mit Scheiben befestigt und kommt zur Aufbewahrung in eine Hülle.

    In der Herforder Synagoge gibt es keine separate Empore für Frauen, da die Gemeinde liberal ist. In Oldenburg gibt es bereits eine Rabbinerin. Wenn auf dem Gelände der zerstörten Synagoge wieder eine neue Herforder Synagoge errichtet wird, soll diese zweistöckig gebaut werden, so dass unten ein Festsaal und oben das Gebetshaus sein kann.

    Im Judentum gibt es keine Missionare, denn das Missionieren wird abgelehnt. Doch jeder Mensch kann zum Judentum konvertieren, wenn er dies möchte. Allerdings muss jeder, der eingeweiht wird, die hebräische Sprache beherrschen, da 95 % des Gottesdienstes in hebräischer Sprache stattfindet.

    Herr Rothe stellt immer wieder fest, dass viele junge Leute kaum eine Unterscheidung zwischen Juden und Israelis machen. Das Judentum ist eine Religion, es ist keine Rasse. Es gibt keine typischen äußerlichen bzw. genetischen Merkmale von Juden.

    Israelis sind die Bewohner des Staates Israel. Hier gibt es relativ viele Menschen jüdischen Glaubens, doch insgesamt ist Israel ein ausgesprochen multikultureller Staat. Es ist keineswegs so, dass man als außerhalb Israels lebender Jude grundsätzlich die Politik Israels vertritt. Dies wird jedoch häufig unterstellt.

    Die jüdischen Gemeinden entwickeln sich in der BRD nur sehr langsam. Es ist nicht leicht, die jungen Leute für die Religion zu begeistern. Neue Gemeindemitglieder kommen oft aus Osteuropa oder Russland und müssen sich hier erst zurechtfinden. Bisher gibt es auch noch keine richtige Rabbinerausbildung in Deutschland. Seit dem 05. Mai 2001 gibt es an der Universität in Heidelberg die Möglichkeit, die ersten vier Semester der Rabbinerausbildung zu absolvieren. Den Rest der Ausbildung muss man dann aber in England, in den USA oder in Israel absolvieren.

  23. Haus Komturstraße 14/16

Hier befindet sich heute ein Goldschmied. Vor der sogenannten "Arisierung" existierte hier ab 1868 das jüdische Ledergeschäft mit Schäftemacherei von Julius und Sophie Weingarten. Sie waren engagierte Mitglieder bürgerlicher Vereine in Herford. Sohn Julius wurde 1904 Schützenkönig. Im Dezember 1938 wurde das durch Sohn Ludwig weiter betriebene Geschäft zwangsweise aus der Gewerberolle gestrichen und am 18. November 1939 an Gustav Kunst verkauft. Im März 1942 wurde das Ehepaar Weingarten aus diesem Haus deportiert und ermordet.

13.Johanniskirche

In Deutschland, aber auch in anderen vornehmlich christlichen Ländern, bestanden zwischen Antisemitismus und Christentum enge Verbindungen. Das Christentum hat das Bild von Juden bis heute mit geprägt. Gerade in der Reformationszeit wurden Juden verstärkt Verfolgungen ausgesetzt. Bei Luther war z.B. die Rede von: "den Juden und ihren Lügen" oder "... dass du nach dem Teufel keinen bittereren, giftigeren, heftigeren Feind habest, denn einen rechten Juden, der mit Ernst ein Jude sein will." Neben der Auswanderung nahmen viele Juden aus Glaubensgründen und Sicherheitsbedürfnis eine christliche Taufe auf sich, um weiterer Verfolgung zu entgehen. Während es im Mittelalter öfters zu Zwangstaufen gekommen war, waren derartige "freiwillige" christliche Taufen von Juden gerade in dieser Zeit nicht ungewöhnlich.

1555 wurde der Jude Johannes Schneeberger in der Johanniskirche getauft. In einer überlieferten Schilderung dieser Taufe heißt es: Schneeberger hat sich als "schändlicher Judensohn" dem "ungöttlichen Judentum" den Rücken gekehrt und "aus dem Irrsal des Jüdischen Geschlechts, darin er geboren und gewesen ist, sich freiwillig von dem Hebräischen Volk zu dem Christlichen Glauben ... begeben".

14. Haus Höckerstraße 5

Dies war ab 1872 der Standort einer Schokoladenfabrik der jüdischen Familie Weinberg (die erste wirklich große und modern arbeitende Süßwaren- und Schokoladenfabrik Herfords). Die Fabrik wurde später in die Werrestraße verlegt. Bendix Alexander Weinberg war Mitbegründer der Herforder Turngemeinde.

Die Familie Weinberg musste um 1920 Konkurs anmelden. Der Betrieb wurde bis 1970 durch andere Betreiber weitergeführt. Dem größten Teil der Familie Weinberg gelang 1938 die rechtzeitige Auswanderung.

Aus der Fabrik in der Höckerstraße entstand durch Umbauarbeiten das Kino "Wittekind" der Familie Salfeld (eines der ältesten der Region, das noch bis zum Oktober 2001 bestand). Die Besitzer, Ernst August und Lieselotte Salfeld galten als Juden – bis sie den Gegenbeweis antreten konnten. Sie hatten gemeinsamen eine kranke Tochter und einen Sohn. Herr Salfeld hatte u.a. die Täter des ersten Synagogenbrandes gemeldet. Salfelds nahmen während der NS-Zeit einen ungarischen Film namens "Früchtgen" (Früchtchen) ins Programm, in dem die Hauptdarstellerin eine "Rassejüdin" war (Franziska Saal, eigentlich Franziska Silberstein). Dies war für die antisemitisch geprägten Herforder Bürger ein Skandal. Schon nach wenigen Minuten Spielzeit stürmte im März 1934 ein SA-Trupp den Kinosaal. Es kam zu einer solchen Empörung unter den Kinobesuchern, dass diese ihre Eintrittsgelder zurückforderten und das Kino verließen. Der Film musste anschließend abgesetzt werden. Die Kinobetreiber-Familie Salfeld wurde anlässlich dieser Filmaufführung bedroht und gedemütigt. Mit Hilfe eines Herforder Bürgers konnten Herr Salfeld und sein Sohn fliehen. Die Familie musste das Kino aufgeben und verließ Herford.

(Am 12. November 1938 wurde ein Erlass des Präsidenten der Reichskulturkammer veröffentlicht, der der jüdischen Bevölkerung den Besuch von Theatern, Kinos, Konzerten und Ausstellungen untersagte.)

15. Münsterkirche

Die Judenverfolgung im Namen der Kirche findet ihren Ausdruck auch durch verschiedene Symbole an Kirchengebäuden. Die kleinen Bögen des Frieses am oberen Rand der Front des Chorjochs werden von Tier- und Menschenköpfen getragen. Auch das Schwein und der Wolf an der Münsterkirche können als Symbole für "das Böse des Judentums" interpretiert werden. (Schwein = Unzucht, Bär und Wolf = Menschenfeinde, insbesondere der Wolf, der das Heiden- und Judentum symbolisierte.)

16. Rathaus

Zwischen 1879 und 1927 gab es mehrere jüdische Ratsmitglieder, die sich politisch in der Stadt engagierten. Das Rathaus war nicht nur Verwaltungssitz, es war auch Ort der Überwachung, Enteignung und Verfolgung jüdischer Bürger. Hier fanden während der Nazidiktatur unter anderem Steuerprüfungen vor der Ausreise von Juden statt, die meist dazu führten, dass die Ausreisewilligen das Land fast mittellos verlassen mussten. Von hier aus wurden auch die Arisierungen geplant, so dass kein Unternehmen in Herford in jüdischem Besitz blieb.Im unteren Teil des Rathauses hatte auch das Polizeigefängnis seinen Sitz. An diesem Ort wurden Verhaftungen und Misshandlungen von Juden und anderen unliebsamen Bürgern vorgenommen. Zahlreiche Juden wurden hier gefangen gehalten bevor sie nach Buchenwald abtransportiert wurden.

17. Kleine Markthalle


1999 wurde eine Emailletafel an der Wand der Kleinen Markthalle (Ausgangsort der Deportationen) angebracht. Sie soll an den Abtransport der jüdischen Mitbürger Herfords von 1941 bis 1945 in Ghettos und Vernichtungslager erinnern – mindestens 118 von ihnen starben unter grausamsten Bedingungen oder wurden ermordet. Die Überschrift auf der Gedenktafel lautet: "Alle konnten es sehen, viele schauten weg."