European Migration

AHR 98/WNB Herford    Gesellschaftslehre mit Geschichte    19. Oktober 1999    Andrea deGroot

  Mehmet Karatay  -  ein Porträt

"Geboren bin ich vor 58 Jahren irgendwo am Ende der Welt, an der äußersten nordöstlichen Grenze meiner Heimat in einem Dörfchen zwischen Hügeln und erhobenen Felsen, nahe dem Himmel und den Sternen (...).
Wie mir erzählt wurde, sollen Menschen vieler Rassen und Volkszugehörigkeiten in jenem Dorf gelebt haben: Aserbeidschaner, Kurden, Osmanen und viele andere türkische Stämme (...). "Die Heimat ist dort, wo man sich zu Hause fühlt." Schon unsere Urgroßväter haben so gesagt, "und auch dort ist sie, wo das Stückchen Brot für dieses vergängliche Leben zu verdienen ist", haben sie gemeint und zogen jahrhundertelang von Land zu Land,(...).

Nun geschah es, dass ich die Schwester meines Freundes heiratete, die jetzt die Mutter meiner Kinder wurde.

Wieder verflossen Jahre. Ich arbeitete mich zum Chauffeur in der Straßenbahn hoch (...). In dem Wagen arbeiteten wir zu zweit. Ich war der Batman, der Fahrer, und mein Kollege, ein lebensfreudiger junger Mann, kassierte die Fahrgelder (...).
Die neuesten Berichte und Geschehnisse erfuhren wir von Menschen, die Gast bei uns waren, bevor sie der Rundfunk oder die Tageszeitungen durchgaben. Eines Tages rollte eine neue Nachricht in unserem Wagen von Sitz zu Sitz und verbreitete sich über die Haltestellen hinaus bis in die Läden und Geschäfte: Viele Männer gingen nach Deutschland, um dort zu arbeiten.
Die Neugier über dieses Land und die Männer, die einfach ihr Land verließen, wuchs und wuchs, so dass wir den Tag als langweilig empfanden, wenn er nicht mit Deutschland begann. Arbeiter, Lastenträger, fliegende Händler, Schüler, Journalisten, alle redeten nur über Deutschland und erzählten das Neueste (...).

An einem Montag suchten wir das Arbeitsamt auf. Es ging sehr schnell. Denn damals redeten zwar viele von Deutschland, es wagte aber nicht jeder, den entscheidenden Schritt zu tun. Deshalb waren wir auch herzlich willkommen auf dem Arbeitsamt (...).
Bis ich im Zug saß, hielt ich das, was ich getan hatte, immer noch für einen Scherz, den wir uns bei einem Glas Tee gegönnt hatten (...).

Die Fahrt dauerte einige Tage. In jeder Stadt, in jedem Dorf oder an jeder Bahnstation, die der Zug durchfuhr, ertönte eine tiefe, ins Herz bohrende Sirene. Wir wußten nicht, durch welche Länder wir fuhren, in welchen Städten unser Zug anhielt.
An einem Morgen fuhr der Zug wieder in einen Bahnhof ein und blieb dort endgültig stehen. Man sagte, wir seien in München angekommen und sollten den Zug räumen (...). Wir stiegen alle aus und begaben uns in einen großen Raum in der unteren Etage des Bahnhofsgebäudes. Dort wurden wir je nach der Stadt, in die wir weiterfahren sollten, in Gruppen aufgeteilt.
Meine "Gruppe" bestand aus einer einzigen Person, nämlich aus mir. Gegen 8 Uhr wurde endlich mein Name aufgerufen. Erst dort erfuhr ich, daß ich nach Herford sollte. Der Name dieser Stadt klang nach einer Automarke. In diesem Momemt war ich so erfinderisch wie noch nie. Ich suchte gleich nach einer passenden Aussage dieses Wortes. Und ich fand sie auch. Ford, das Traumauto von vielen mir bekannten Menschen. Dort werde ich arbeiten, bei Ford, habe ich jedem gesagt, der in meiner Nähe war (...). Mit diesen Vorstellungen und Träumen von vielen, bunten Ford-Autos fuhr ich weiter nach Herford.
Am 5. September 1964 kam ich in Herford an (...).
Und erst dort erfuhr ich, daß die Firma, bei der ich arbeiten sollte, keine Autos, sondern Mülltonnen herstellte. Damit waren all meine Träume von schönen Ford-Autos nun vorbei (...).

In den ersten Tagen war es sehr schwer für mich, das alles, was man mir vortrug, zu verstehen und die Arbeit auszuführen, wie man es von mir erwartete. Da kam mir die Sozialarbeiterin der Firma zur Hilfe und brachte mir unermüdlich die deutsche Sprache bei. Je mehr ich die Sprache lernte, um so mehr Kontakte knüpfte ich zu meinen Kollegen, Vorarbeitern und Meistern, und um so mehr lernte ich sie kennen. Sie waren alle ausnahmslos kameradschaftliche, aufmerksame und liebenswürdige Menschen. Es war ein selten schönes Gefühl zu erleben, wie willkommen wir, die Ausländer, waren.
Nicht nur im Betrieb, sondern auch in der ganzen Stadt spürten wir, die Türken, daß wir herzlich aufgenommene Menschen waren (...).
Im Jahr 1968 holte ich meine Frau nach Herford, dann meine Kinder.

Und es kam die Zeit, dass keine Ausländer mehr angeworben wurden. Allmählich veränderten sich die Verhältnisse. Wir wurden nicht mehr gemocht wie früher; man redete von Entlassungen, Arbeitsmangel und Arbeitslosigkeit. Der Betriebsleiter kam nicht mehr zu uns in den Betrieb, keiner wollte von unseren Problemen mehr wissen. Viele Kollegen wurden entlassen. Ich blieb davon verschont, bekam jedoch immer neue, immer andere Arbeiten zugewiesen, die ich vorher nie kannte.
Der Betriebsleiter, der mich einst so freundlich fragte, wie es mir ginge, ob ich Probleme hätte, ob er mir helfen könnte, schreit mich heute vor allen meinen Kollegen an und zeigt mir den Ausgang.
Nun bin ich 58 Jahre alt geworden. Seit 24 Jahren lebe ich in dieser Stadt und arbeite im gleichen Betrieb. Meine Kinder sind herangewachsen, sie werden bald ihr Studium hier beenden und hierbleiben.
Von diesen 24 Jahren habe ich nur 24 Monate in meiner Heimat verbracht - im Urlaub versteht sich.
Immer wenn ich im Urlaub in meiner Heimat ein Auto sehe mit dem Herforder Kennzeichen, spüre ich, daß meine Augen vor Freude strahlen, und ich zeige es dem, der neben mir steht, mit großem Stolz:
"Schau her..., dort fährt ein Auto aus meiner Heimat."

Textauszüge aus: Helmert-Corvey, Theodor und Schuler, Thomas (Hrsg.): 1200 Jahre Herford - Spuren der Geschichte. Herford 1989, S. 533- 541.