European Migration

Neue Heimat neue Zukunft
Eine soziologisch- pädagogische Studie über die Integration der Kinder der Aussiedler aus den GUS- Staaten

Anne Paschvoss


Inhalt
 

Einführung
Die 3 Phasen der Integration
Die soziale Integration der Kinder der Aussiedler
Sprache als Voraussetzung für die Integration
Die Kinder der Aussiedler in der Schule
Die Kinder der Aussiedler und das soziale Umfeld
Schlussfolgerungen
Quellenangabe


 Einführung
 Der Aussiedlerzuzug wurde 1993 auf den Durchschnitt der Jahre 1991/92 festgeschrieben. Jährlich sollten etwa 220000 deutschstämmige aus Osteuropa und den GUS - Staaten aufgenommen werden. .In Osteuropa leben etwa 3-4 Millionen

Menschen mit deutscher Abstammung. 500000 von ihnen haben einen bestätigten Aufnahmeantrag. 40% der Aussiedler sind unter 20. Sie sollen die ungünstige Altersstruktur verbessern und die sozial - und Rentenkassen entlasten.

Ob sich die Jugendlichen in Deutschland auf dem Arbeitsmarkt zurechtfinden, oder ob sie Arbeitslos werden oder sogar kriminell hängt von ihrer Integration in Schule und Umgebung ab. Zudem sind sie zukünftige Wähler und es stellt sich die Frage ob sie den Frieden stärken oder gefährden. Die Jugendlichen haben unterschiedliche Integrationsbereitschaften, manche sind froh hier zu sein , andere sind gegen ihren Willen hier. Alles ist für sie fremd : die Leute, die Sprache, die Geschäfte, die Schule. Sprachkenntnisse, Wissen über den Alltag und Berufsqualifikationen sind im Prozess der Integration unentbehrlich. Aussiedler haben andere Wertvorstellungen : ausgeprägter Familiensinn, althergebrachte Sitten und Bräuche und Gemeinschaftsgeist, dagegen haben sie aber wenig Erfahrung mit der westlichen Demokratie und Marktwirtschaft.
Bei der Integration soll keine kritiklose Verschmelzung stattfinden, die dazu führen kann, dass schlechtes übernommen wird und mitgebrachtes Gutes verloren geht.
 

Die Phasen der Integration

Es gibt 3 Phasen

  1. Die Bewältigung der Fremdheit
  2. Der Aufbau der inneren Bereitschaft zum aktiven Handeln
  3. Die eigentliche Integration
Zu 1
Es werden Kenntnisse über den Alltag erworben . In der neuen Welt müssen zunächst die gewöhnlichen Dinge wie ein Einkauf oder die Bedienung der Öffentlichen Telefone erlernt werden. Denn diese für uns so selbstverständlichen Dinge sind für die Kinder , die fast ohne Sprachkenntnisse kommen überlebenswichtig. Diese Phase dauert in der Regel 1-2 Monate. Der Anpassungsschock muß überwunden werden .Nach dieser Phase sind sie mit dem Ablauf des Schulalltags im allgemeinen vertraut.

Zu 2

Phase 2 umfaßt ca. 1- 2 Jahre. Sie ist für den Integrationsprozeß entscheidend. Es werden die wichtigsten Voraussetzungen zum aktiven Handeln als Subjekt geschaffen.

Es gehören dazu :

  1. Umfassendere Kenntnis über die Umwelt
  2. Fachliche Orientierung in der Schule
  3. Anpassung an die neuen Bedingungen der deutschen Identität
Zu 3
Diese Phase beginnt nach ca. 2- 3 Jahren Aufenthalt in Deutschland. Die Kinder und Jugendlichen kennen sich in der Umgebung gut aus, die erworbenen Sprachkenntnisse ermöglichen den Zugang zu Medien. Sie haben in der Schule die Möglichkeit Fähigkeiten zu entfalten und teilweise erfolgt der Sprung auf eine höhere Schule. Die Abhängigkeit von ehemaligen Landsleuten läßt nach. Kenntnisse und aufgenommene Werte werden überprüft und zum Teil überholt. Es spielt nicht nur der Einfluss der Landsleute eine Rolle sondern auch der der Lehrer und Medien.
 

Die soziale Integration der Kinder der Aussiedler

Aspekte der sozialen Situation

  1. Aussiedlerkinder haben oft große Familien , in denen oft 3 Generationen vertreten sind. Kinder stehen meist unter der Aufsicht der Eltern oder Geschwister, das heißt, eine gute Kommunikation findet statt. Für sie zählen Werte wie Familiensinn , die in Deutschland zum Teil verlorengegangen sind. Das kann zu einer inneren Auseinandersetzung mit der Außenwelt führen.
  2. Nach der Übersiedlung können die Eltern mit eigener Erfahrung nicht mehr weiterhelfen, denn sie sind selbst fremd und unerfahren in der "neuen Welt" . Das kann zu größerer Eigenständigkeit der Kinder führen , aber auch zu Verdrossenheit und Generationskonflikten. Um dem entgegenzukommen, sollte eine intensive Kommunikation mit anderen Aussiedlerkindern oder Lehrern u. Sozialarbeitern stattfinden.
  3. Die Kinder müssen den Statusverlust ihrer Eltern verkraften, denn die Eltern müssen in der Regel eine Arbeit annehmen die unter ihrer Qualifikation liegt (z.B. vom Lehrer zum Fabrikarbeiter).Das kann zu mehr Ansporn in der Schule führen, aber auch zu Hemmungen im Umgang mit Mitschülern und Enttäuschungen über das Deutsche System.
  4.  Auch die Wohnverhältnisse sind für den Integrationsprozess von Bedeutung. Übergangsheime, in denen oft 10 Menschen in einem Zimmer untergebracht werden, führen zu Stresssituationen. Niemand hat die Möglichkeit allein zu sein. Die Übergangsheime liegen oft in entlegenen Orten. So sind die Kinder auch weit entfernt von Freizeitgestaltungen in Vereinen und Kontakte zur deutschen Bevölkerung kommen oft zu kurz. Auch nachdem die Familien aus den Übergangsheimen fortgezogen sind, lassen sich oft mehrere Aussiedlerfamilien am selben Ort nieder, weil erstens das kommunistische Regime das Leben durch Kollektivismus prägte, und zweitens das "Deutschsein" zu einem engen Zusammenhalt führte.


 Sprache als Voraussetzung für die Integration

Für die Integration ist Sprache die wichtigste Voraussetzung, denn für die sozialen Kontakte und den Lernerfolg ist sie unerlässlich. Doch gerade die Sprachkenntnisse sind heute durch 50 Jahre Russifizierung sehr schlecht, da in der Sowjetunion die deutschen Schulen zwischen 1938- 1941 geschlossen wurden. Für die Jugendlichen und einen großen Teil ihrer Eltern ist Russisch die Muttersprache.

Die Kinder lernen in Deutschland nicht die Hochsprache sondern den lokalen Dialekt und haben ähnliche Probleme mit der Rechtschreibung wie deutsche Kinder. Das zeigt, dass das Erlernen der Sprache nicht aufgrund schriftlicher Texte, sondern nur im Hörverstehen erfolgt. Die Schüler erhalten wöchentlich 10- 12 Stunden Förderunterricht, zum Teil werden auch Intensivkurse eingerichtet, damit die Schüler nach Ablauf eines Jahres an allen Fächern am Unterricht teilnehmen können. Diese Maßnahmen sollen die wichtigsten Voraussetzungen für die Integration schaffen, doch es ergeben sich einige Probleme.

Die Motivation ist oft gering, da die Kinder die dringende Notwendigkeit, Deutsch zu lernen nicht sehen, dadurch die immer größer werdende Anzahl der Aussiedler eine Kulturautonomie entsteht. Der Deutschunterricht als Fremdsprachenunterricht hat eine Art Doppelcharakter.
Zunächst gibt es bedeutende Fortschritte, dann wird der Unterricht zum Hindernis, weil das Sprachgefühl unterentwickelt bleibt.
In den ersten zwei Jahren ist die geistige Entwicklung, solange sie von der Sprache abhängt, gedämpft.
Die Erkenntnis der Welt erfolgt zum größten Teil vermittels der Sprache. Deshalb treten Probleme auf, denn der mitgebrachte Wortschatz entwickelt sich nicht weiter, sondern nimmt sogar ab und der deutsche Wortschatz nimmt zwar zu, ist aber nach zwei Jahren noch immer nicht auf dem Niveau der Muttersprache.
Die Jugendlichen entsprechen in ihrer Entwicklung nicht ihrem Alter, denn in ihrer Muttersprache besteht kein Bedarf und in Deutsch erlauben es die Sprachkenntnisse nicht.
 

 Die Kinder der Aussiedler in der Schule

Die Schule hat eine Integrationsfunktion aber auch eine Qualifikationsfunktion.Die Schüler werden meist in der Hauptschule angenommen, weil ihnen die Vorbereitungsklassen zugeordnet sind in denen die entsprechenden Fördermaßnahmen ansetzen. Die Schüler besuchen auf Wunsch der Eltern oft die niedrigere Klasse.

Wenn es um die Schulzuweisung geht, sollten zwar vorwiegend allgemeine Fähigkeiten berücksichtigt werden, aber natürlich spielen dabei auch die sprachlichen Fähigkeiten eine Rolle.

In Lippe kommen 30% der Hauptschüler aus Spätaussiedler- oder Aussiedlerfamilien. An Realschulen sind es 14,5% an den Gymnasien 1,1% und an den Gesamtschulen 10,1% .

Zu berücksichtigende Aspekte:

1. Nach einem Jahr Schulbesuch sollten die Schüler am Unterricht der Regelklasse teilnehmen.

2. Die Schulprogramme sind in den ehemaligen Sowjetrepubliken stark polytechnisch ausgerichtet, so dass die Hochschulreife schon nach zehn Jahren erreicht wird. Deshalb sind die Lehrpläne deutlich dichter. Vor allem im Naturwissenschaftlichen Bereich können die Aussiedlerkinder vergleichsweise besser sein, so sind sie besser an Real- und Hauptschulen aufgehoben, da auf den Gymnasien die Defizite in den Geisteswissenschaften und Fremdsprachen die Eingliederung erschweren.

3. Da Real-und Hauptschulen vom größten Teil der Aussiedlerkinder besucht werden, haben die Lehrer dieser Schulen die besseren pädagogischen Voraussetzungen für die Arbeit mit dieser Schülergruppe. Sie haben Erfahrungen mit den Problemen, wie sprachliche Schwierigkeiten und "Kulturschocks".
Die Kinder aus Aussiedlerfamilien streben vorwiegend den Realschulabschluss an, da die Eltern meist 3 zusätzliche Schuljahre finanzieren können. Die Kinder wollen möglichst schnell unabhängig werden.

Eine Alternative zur Lehre kann für sie auch der Besuch auf einem technischen- oder Wirtschaftsgymnasium sein.
Der Wunsch nach höherer Bildung wächst mit der Dauer des Aufenthalts in Deutschland. Die Motivation der Kinder kann oft direkt nach der Übersiedlung sehr gering sein, was auf die Sehnsucht nach Freunden, Verlust der vertrauten Umgebung, sprachliche Schwierigkeiten, die berufliche Situation der Eltern oder schlechte Wohnverhältnisse zurückzuführen ist. Die Motivation ist vom Milieu abhängig, in das das Kind integriert ist.

 
Die Kinder der Aussiedler und das Soziale Umfeld
Den Kindern der Aussiedler und ihren Eltern wird oft ein Vorwurf gemacht:

Sie würden immer zusammenhalten und Russisch reden und sich gar nicht erst integrieren wollen. Es gibt eine Erklärung für dieses Verhalten:
Die Kinder sind in der Fremdheit auf sich selbst angewiesen. Ihre Eltern sind oft genauso ratlos und so schließen sich die Kinder zusammen. Ihr kultureller Hintergrund und ihre Lebensläufe sind meist ähnlich. Der Zusammenschluss stellt eine Art Ersatz für ihre ehemalige Heimat dar. In Lehrern und Sozialarbeitern sehen die Kinder meist auch keine Ansprechpartner, da diese ihre Lage nicht kennen und ihre Sprache nicht beherrschen. Dazu bieten sich also nun meist die Landsleute an, denn diese wohnen häufig in der Nachbarschaft. Die Behauptung, die Kinder wollten gar nicht erst integriert werden, ist ein Irrtum. Die Kommunikationsschwierigkeiten spielen hierbei eine große Rolle. Die Angst der Kinder vor Misserfolgen ist sehr groß, da nicht selten auf eine nicht ganz sauber gestellte Frage, sie sollen doch erst einmal richtig Deutsch lernen, zurückkommt.

Die jüngeren Kinder haben wesentlich geringere Integrationsschwierigkeiten, denn Grundschüler haben weniger Vorurteile, gehen leichter auf Gespräche ein und sind an ihren neuen Mitschülern interessiert. Anders ist es bei den Jugendlichen auf weiterführenden Schulen, da die Gesprächsthemen oft weit über die des Alltags hinausgehen und wer hier die Sprache nicht beherrscht, kann nicht mitreden und muss zwangsläufig zuhören. Der passive Zuhörer ist uninteressant.
In diesem Alter bilden sich Cliquen, in denen ein Großteil der Kommunikation stattfindet. Die jungen Aussiedler werden meist nicht mit aufgenommen und bilden so eigene Cliquen. Diese Trennungen führen oft zu Anfechtungen und Zusammenstößen. Die Aussiedlerkinder nehmen oft nicht an außerschulischen Veranstaltungen Teil, weil sie schlecht über die Angebote informiert sind. Es fehlt auch häufig das nötige Geld um Mitglied in einem Verein zu werden.

Mit dem fortschreitenden Erlernen der Sprache geht diese schwere Zeit meist zuende und die Abhängigkeit von den Landsleuten wird schwächer. Viele junge Aussiedler haben nach zwei bis drei Jahren einen oder mehrere Freunde unter den einheimischen Jugendlichen.

Ein großes Problem ist allerdings die " ungewünschte Integration". Aufgrund von Orientierungslosigkeit und Problemen zu Hause landen viele auf der Straße.
Ihre Frustration wird hier mit Alkohol und Drogen betäubt, oder in Randale umgesetzt.
Um dagegen anzugehen, wäre zum Beispiel die Organisation von Freizeitveranstaltungen in Städten, die häufig von Aussiedlerkindern bewohnt werden, wichtig.
Auch die Vermittlung von Jobs ist hier hilfreich. Das religiöse Leben spielt auch für einen Teil der Aussiedlerkinder eine wichtige Rolle. Die religiöse Erziehung ist erfolgreich bei der Vermittlung von Werten, sowie der Vorbeugung von Alkohol und Drogenproblemen. Allerdings ist die Gefahr groß, daß diese Jugendlichen unter sich bleiben und eine stärkere Integration nicht anstreben.
 

Schlussfolgerungen

Es wird nach zirka 6-9 Jahren , in denen über eine Million Aussiedler und Spätaussiedler aufgenommen wurden, deutlich, daß diese sich hauptsächlich in den alten Bundesländern niederlassen, hier bilden sich kompakte Wohngebiete, was die Integration erschwert.
Das Zusammensein mit anderen Aussiedlern ist oft entscheidend für die Orientierung in Schule und Umgebung- es bewahrt vor Isolation. Doch hier besteht die Gefahr, daß der Schritt von der
" Subintegration" zur eigentlichen Integration nicht mehr getan wird. Das Feld der Integration wird heute wissenschaftlich erforscht und somit ist es immer besser möglich zu helfen und Fehler zu vermeiden.
 

Quellenangabe

Quelle: Anatoli Rakhkochkine, Neue Heimat - neue Zukunft. In: Politik und Zeitgeschichte, 7.2 1997



Anne Paschvoss
Herford, Januar 2000
a:\ahr98\apint10.htm