European Migration

Lebensgeschichte einer russischen Familie -  Interview mit einer russischen Aussiedlerin

von Anja Krieger 


Anmerkungen:

Mein Interview habe ich mit einem Aufnahmegerät durchgeführt und habe es dann transkribiert. Mein Interviewpartner möchte aus persönlichen Gründen anonym bleiben, aus diesen Gründen gibt es keine Personen - und Namenangaben. So ist die Familie mit der Aufnahme ins Internet einverstanden.Zusätzlich habe ich Fotos von der Familie beigefügt, die das Leben in Russland zeigen, die jedoch nicht veröffentlicht werden sollen.

Interview mit einer russischen Aussiedlerin

Sie ist 17 Jahre alt und ist mit ihre Familie vor 12 Jahren nach Deutschland gekommen.
Seit 4 Jahren wohnt sie in Löhne und ging dann auf die städtische Realschule in Löhne, wo ich
sie dann kennengelernt habe. Nach der Realschule ging sie auf die Friedrich-List-Schule
in Herford und macht Abitur mit Schwerpunkt Kaufmännische Angestellte.

Sie fängt an zu erzählen:

Ich erzähl erstmal von der Seite meines Opas. Also, mein Urgroßvater war Tierarzt und seine
Frau war Hausfrau. Die beiden hatten die deutsche Staatsangehörigkeit.
Sie wohnten in Rußland in der Ukraine und hatten doppelte Staatsangehörigkeit. Das Dorf
hieß Nikolajewka. Für die damalige Zeit lebten sie in guten Familienverhältnissen.
Eines Nachts kamen dann plötzlich russische Banditen von der Armee, glaube ich, und die
haben dann den Vater von meinem Opa mitgenommen, aus welchem Grund auch immer.
Die Frau blieb mit den vier Kindern  und schwanger zurück. Bei der Geburt des fünften
Kindes starb sie dann und die Kinder wurden einzeln bei der Verwandtschaft aufgenommen.
Wo der Vater letztendlich abgeblieben ist, dass wissen wir bis heute noch nicht. Der ist dann,
sag ich mal verschollen gewesen.

Dann 1941, als der Krieg angefangen hat, war mein Opa zehn Jahre alt und 1944 kam Hitler
zur Ukraine und nahm die ganzen Deutschen der Deutschen Kolonie in Gefangenschaft.
Die wurden dann in Züge rein gesetzt und nach Deutschland verschleppt.
Sie mussten halt alles zurücklassen, was sie hatten. Das Haus....und sie konnten gar nichts
mitnehmen. Und dann kamen sie hier nach Deutschland nach Preußen in die Stadt Willschner.
Diese Leute mussten sich dann hier Deutsch einbürgern und die Kinder gingen hier zur Schule.
Die Familien bekamen kleine Wohnungen und Lebensmittel und mussten auf dem Feld
arbeiten.  1945 kamen russische Soldaten und zwangen Männer mit deutsch-russischem Pass
für Rußland zu kämpfen. Hierbei wurden viele Familien auseinandergerissen, da Frauen und
Kinder mit diesem Pass nach Sibirien verschleppt wurden.  Da in Sibirien herrschte große
Hungersnot und es war teilweise bis zu -50°C kalt.
Ihnen war verboten über die Grenze von Sibirien hinaus zu gehen. Es herrschte Kommandantur.
Das wurde so festgelegt .... und sie mussten bis 1955 so leben. Mein Opa wurde in Rußland
später von einer kleinen Oma, wir haben sie immer so genannt, großgezogen.

Jaa. Mit seinen Geschwistern hat er die ganze Zeit keinen Kontakt mehr gehabt, die haben sich
aus den Augen verloren. Seine älteste Schwester war zu dem Zeitpunkt, wo der Krieg angefan-
gen hat, glaube ich 16 Jahre alt. Und wo Hitler mit seiner Armee nach Rußland kam hat das ...
ja wie soll ich sagen ihre Stiefmutter, die Familie, die sie aufgenommen hat, die mussten ja alle
mitkommen. Und sie haben sie zu dem Zeitpunkt nicht aufgeweckt, sondern haben sie dann
alleine gelassen und so war sie dann den ganzen Krieg über allein auf sich gestellt.
1953 hat mein Opa dort seine Frau kennengelernt und beide kamen 1957 nach Kasachstan,
weil die Verhältnisse dort ein bißchen besser waren. Sie wohnten dort bis 1958 und zogen dann
nach Kirgisistan, in Mittelasien, wo wir dann letztendlich gewohnt haben, wo ich auch geboren
wurde und meine Eltern. Da lebten wir dann bis 1988.

1975 hat der jüngste Bruder von den fünf Geschwistern die älteste Schwester in Deutschland
gefunden. Sie hat dann hier gearbeitet bei einer Familie und dann auch geheiratet.
1974 versuchten ein paar Geschwister nach Deutschland auszureisen und als wir dann hier hin
kamen, das war 1988, da haben wir schon die ganzen Jahre davor versucht einen Antrag zu
stellen, damit uns der russische Staat das Ausreisen genehmigt.
Aber das hat nie geklappt, ich weiß jetzt auch nicht genau wieso aus welchen Gründen, da
mussten manchmal so Bedingungen erfüllt sein und so.   Naja, das hat 28 Jahre gedauert bis wir
endlich die Genehmigung bekommen haben. Meine Mutter hat erzählt, schon wo sie in der ersten
Klasse war, haben sie den ersten Antrag gestellt und haben immer eine Absage bekommmen.
Absage, Absage. Das hat also praktisch das ganze Leben gedauert, bis wir endlich mal eine Zusage bekommen
haben mit "Ja, sie dürfen jetzt rüberfliegen."

Und warum wolltet ihr hier nach Deutschland?
Ja, weil bei uns teilweise die Familie hier war, wie die Geschwister von meinem Opa. Ja wie
soll ich das sagen, unsere ganze Familie war halt in Deutschland.

Wie waren so die Lebensbedingungen bei Euch?
Im Vergleich zu heute ist es natürlich anders als in Deutschland. Das kannst Du gar nicht
damit vergleichen. Vor allem jetzt nicht. Aber zur damaligen Zeit war da alles eigentlich ganz
gut. Jetzt ist es da ziemlich heruntergekommen.
Die Seite von meiner Oma, die wohnte in Odessa, das liegt auch in der Ukraine. Da gab es auch
eine deutsche Kolonie und die hatte fast genau das gleiche Schicksal wie mein Opa. Sie wurde
auch gefangengenommen und nach Ostpreußen verschleppt. Von meiner Oma der Vater diente
in der SS-Armee und die Familie musste auch alles zurücklassen.
1947 wollte der Vater von meiner Oma nach Sibirien zu seiner Familie und er wurde dann aber
eingesperrt, weil er für die SS gedient hatte.
Wo wir dann hier waren, haben wir uns ausgebürgert aus der russischen Staatsangehörigkeit,
da mussten wir ja auch den russischen Ausweis haben, obwohl wir jetzt ja sag´ ich mal
Deutsche sind. Das wollte auch mein Opa so, denn zu seiner Zeit, da hat er ja auch zwei Pässe
gehabt, Deutsch und Russisch und er meinte, wir sollten uns lieber ausbürgern, das wäre wohl
sicherer, wer weiß, was da noch kommt.
"Wenn wieder ein Krieg ausbrechen sollte, sagte er, das mit euch und den Kindern nicht das
selbe passiert wie mir."

Wo habt ihr dann zuerst gelebt?
Als wir ankamen waren wir zuerst in Unna-Maßen. Dort waren Wohnungen, wo hauptsächlich
Aussiedler wohnten. Man musste dann alles beantragen, dass du jetzt hier bist und was weiß ich.

Wie seit ihr überhaupt hierhin gekommen?
Mit dem Flugzeug. Ja, also ich weiß nur noch, wo wir in Moskau Stop gemacht haben und von
Moskau hier nach Deutschland. Oh Gott, wo sind wir angekommen.....Oh, ich will jetzt echt nichts
Falsches sagen.
Vielleicht... ist egal, weiß ich nicht mehr.

Durftet ihr viele Sachen mitnehmen oder nur eure pesönlichen Dinge?
Nein, also soviel durften wir nicht mitnehmen. Wir durften auch nicht soviel Geld mitnehmen.
Das war ein bestimmter Betrag gesetzlich. Halt nur so und soviel und das andere mussten wir
dalassen. Soviel konnten wir nicht mitnehmen, nur so das Nötigste.

Das war bestimmt auch schwer, oder?
Ja sicher. Mmmh.

Aber dein eigenes Zimmer hattest Du dort auch?
Ja, mit meinem Bruder hatte ich ein Zimmer zusammen. Also wir hatten auch ein Haus. Wo
ich mich noch dran erinnern kann .... das Wohnzimmer das war auch so weiß gewesen und
so als kleines Kind, wenn du Fernsehen geguckt hast, dann hast du ja auch mal gesungen und
dann hat´s da immer gehallt. Denn es standen auch kaum Möbel drin und dann hörtest du
immer deine Stimme so huuuuuuuuh....
Das war auch ganz schön. Und einen Hund hatten wir auch.

Und den habt ihr auch dagelassen?
Ja, meine Tante hatte den dann und die ist erst nach drei Jahren nachgekommen. Von meinem
Papa die Familie. Die hat dann damals unser Haus in Besitz genommen und hat die ganzen
Sachen dort verkauft. Sie hat das Geld dann erst eingesteckt und als sie dann kamen, durfte
man auch schon ein paar mehr Sachen mitnehmen. Da hat sie uns auch Geschenke
mitgebracht und so.

Aber den Hund hat sie nicht mehr mitgebracht? Was hattet ihr denn überhaupt
für einen?
Nein, der ist jetzt bestimmt schon tot. Das ist ja schon so lange her. Wir hatten so einen
Kleinen und der war auch so ganz puschig weiß, so ganz weißes Fell. Puschok hieß der -
Puschel heißt das. So schön flauschig.

Leben jetzt noch Verwandte in Rußland?
Ja, die beiden Schwestern von meinem Vater. Also erst sind wir 1988 hierhin geflogen und
dann die beiden Geschwister von meiner Mutter und mein Opa mit seiner Frau, weil die war
krebskrank und in Rußland konnten die Ärzte sie nicht mehr heilen. Und die Verwandtschaft
von meinem Vater, die sind erst so nach zwei, drei Jahren nachgekommen.

Wie lange habt ihr denn in Unna-Maßen gewohnt?
Also, erstmal waren das so kleine Wohnungen, wo fast nur Aussiedler wohnten, die von
Rußland nach Deutschland gekommen sind. Was heißt kleine Wohnungen. Manchmal war das
nur ein Zimmer und da stand dann ein Bett und ein Tisch, wo du essen konntest.
Da hast du dann ungefähr einen  Monat gelebt - bis du deine Bekannten aufgesucht hattest
oder eine Wohnung gefunden hattest.
Genau und wir sind dann noch zur Schule gegangen, dort in Unna-Maßen in der Vorschule
oder erste Klasse war ich da und da waren auch nur Aussiedler. Zum Beispiel, die aus Polen
kamen und eben aus Rußland.
Das war eigentlich nur so eine Schule, um die Kinder ein bißchen zu beschäftigen und
abzulenken. Was weiß ich.

Da hast du dann auch etwas Deutsch gelernt?
Ja, so ein bißchen. Aber richtig Deutsch habe ich dann erst gelernt, als wir schon in Bad
Oeynhausen gewohnt haben. Als ich dann da in die erste Klasse ging. Und da hatte ich dann so
Förderunterricht noch mit zwei Polen zusammen und dann haben wir Deutsch gelernt.

Wie war die Schule so für dich? Du hast ja nichts verstanden?
Nein!.....Ooooh. Das war echt schlimm. Also Einschulung hatte ich ja nicht, die waren ja schon
alle in der ersten Klasse. Und ich bin dann gekommen, vielleicht waren da vier Monate vorbei,
und es war doch schon ein bißchen komisch gewesen, denn du verstehst ja erstmal gar nichts,
guckst dann nur so mit großen Augen....
Ja und dann musste ich ja einmal auf die Toilette, dann stand ich da vor der Klasse und dann
 .....eeeehm, ich so zur Lehrerin "Ja hatschu v tualiet?", also immer auf russisch hab` ich dann
gefragt "Ich will auf die Toilette" und sie guckt mich so an und ich dann nochmal und sie immer
noch "he?". So ungefähr, was will die denn jetzt von mir? So ein kleines Dötzken von 6 Jahren.
Bis sie dann endlich ein bißchen verstanden hatte. "Ach, du musst auf die Toilette!" und ich so
"mmmmmmmh." Naja, aber es ging dann.

Schreib´mir das mal auf Russisch auf.
Oh Gott! Schreiben, ob ich das noch kann?

Ist ja egal. Es kann sowieso niemand Russisch in unserer Klasse, glaube ich.
Ich schreib´das mal in deutschen Buchstaben, wie du es aussprichst. Das ist leichter, das kann
ich dann auch.

Haben dich die Kinder denn dann auch mal angesprochen oder haben sie sich auf
dich gestürzt?
Ja, also eigentlich ist das sehr gut gewesen. Da waren so zwei, die kamen eigentlich sofort auf
mich zu und haben mich immer mitgenommen, hier und da.
Die waren ganz nett. Also eigentlich waren alle ganz nett. Es war jetzt auch nicht so, dass
welche gesagt haben, mit der will ich nichts zu tun haben.
Ich wurde immer gleich aufgenommen und wo ich dann nach und nach Deutsch gelernt habe,
da ging das auch hinterher.  In der zweiten Klasse, da war´s schon besser.

Dann hast Du in Deutsch und anderen Fächern ja bestimmt schlechte
Noten gehabt, oder?
(Sie lacht) Jaa..... Vieren hab´ ich ganz oft gehabt und auch einmal 'ne Fünf. Aber
hauptsächlich Vieren.
Also Mathe hab´ ich überhaupt nicht verstanden.

Habt ihr das in Rußland denn auch irgendwie anders gehabt, mit den Zahlen?
Die Zahlen sind eigentlich dieselben. Nur wenn du Mal rechnest, dann ist das anders. Hier
rechnen wir doch von links nach rechts und da ist es genau umgekehrt. Und das fand ich auch
irgendwie einfacher. Und meine Eltern haben mir das dann halt so beigebracht und die Lehrerin
hat dann gesagt, meine Eltern sollten das sein lassen, sonst verwirren sie mich zu doll und was
weiß ich. Ich war voll fertig, ich hab´ Mathe nicht verstanden. Immer Vier, Vier, Vier......
Mit meinen Eltern hab´ ich dann auch immer gelernt und die haben mir das dann immer
anders erklärt und ich saß dann da schon am Weinen gewesen.... nichts verstanden und dann
in der Zeit, wo ich in der fünften Klasse war, da ging´s dann eigentlich.
Die Lehrerin hat dann meinen Eltern gesagt, sie sollen mit mir nichts mehr lernen, ich lerne
das halt so und so in der Schule und nicht wie die das gemacht haben damals.
Und dann ging´s auch, dann stand ich auch drei bis zwei.

Das daraus dann mal eine kaufmännische Angestellte wird, hätte damals
wahrscheinlich auch keiner gedacht.
(Sie lacht) Nein.

Und deine Eltern haben dann Volkshochschulkurse besucht, um die Sprache
zu lernen?
Sowas ähnliches. Meine Eltern hatten Deutsch schon ab der 5. Klasse in Russland.
Mein Papa konnte schon ganz gut Deutsch, ja.
Also du mußtest damals einen Sprachkurs mitmachen. Der ging glaube ich 3 oder 5
Monate. Ich weiß auch nicht.  Und dann haben die Deutsch halt richtig gelernt.

Haben sie dann kein Russisch mehr zu Hause gesprochen?
Doch, früher schon. Nur jetzt sprechen wir zu Hause eigentlich Deutsch. Und wenn wir halt
Besuch haben, oder ne große Feier irgendwo ist, dann wird Russisch gesprochen und eigentlich
auch zwischendurch Deutsch, weil die Kinder, also meine Cousins und Cousinen.... manche
können noch Russisch, die, die 20 sind, die da noch zur Schule gegangen sind. Aber wir jetzt,
wir verstehen das, aber reden tun wir jetzt nicht. Die reden mit mir Russisch und ich antworte
auf Deutsch.

Und wie sprechen deine Eltern miteinander?
Deutsch und Russisch. Manchmal auch gemixt. (Sie lacht). Ja das kommt auch vor.

Haben deine Eltern hier gleich wieder einen Beruf ergriffen und das weiter gemacht,
was sie in Russland auch gemacht haben?
Ja, ja eigentlich schon, also mein Papa war schon da Elektriker und hier hat er sofort 'ne
Arbeitsstelle bekommen. Der arbeitet jetzt auch schon zehn oder elf Jahre bei einer Firma in
Bünde. Und meine Mama, die hat in Russland auch etwas mit Büro gemacht und hier hatte
sie zuerst keine Arbeit gehabt. Aber das war auch nicht so lange. Vielleicht ein halbes Jahr.
Später hat sie dann Teilzeit gearbeitet für zwei Jahre oder so und hat dann noch einmal den
Arbeitsplatz gewechselt.

Und wo waren dein Bruder und du dann, wenn deine Eltern gearbeitet haben?
Also erstmal haben wir auch eine Zeit lang bei unserem Opa gewohnt. Und meine Eltern
sind dann halt beide arbeiten gegangen.
Mein Bruder war im Kindergarten den ganzen Tag. Von morgens bis nachmittags. Ich war
dann in der Schule und dann hatte ich auch den Haustürschlüssel und meine Mutter hat dann
immer zu mir gesagt "Wenn du zu Hause bist, dann leg dich erstmal hin und schlaf" ,denn ich
war ja auch erst sechs Jahre alt und alles war noch so ganz fremd und was weiß ich. Dann hab´
ich mich halt immer hingelegt bis auch meine Eltern kamen.

Wann seid ihr dann nach nach Löhne gezogen?
Also zuerst hat ja mein Onkel 1993 gebaut, dann mein anderer Onkel 1994 und wir haben 1995
angefangen. Dabei haben dann die ganzen Verwandten geholfen.

Hast Du mal Vorurteile oder Konflikte erlebt?
Oh Gott, da muss ich mal überlegen. (Sie zögert) Nein, ich glaub´nicht.

Und auch deine Eltern auf der Arbeitsstelle?
Nein, würde ich nicht sagen.

Welche Religion hattet ihr in Russland?
Katholisch. Jetzt auch noch.

Gibt es da irgendwie Unterschiede?
Ja, also Kirchen gibt es da auch. (Wir müssen beide schmunzeln) Also, da gibt es auch
verschiedene Religionen, wie zum Beispiel Baptisten.

Leben in Rußland jetzt noch Verwandte, wo ihr mal hinfahrt oder so?
Von uns jetzt gar nicht mehr. Nur von meinem Onkel die Mutter, die lebt noch da. Aber die
will auch gar nicht da weg. Weil die ist schon über achtzig und die sagt
"Jetzt bleibe ich da und sterbe auch da." Also nur mein Onkel besucht die,
weil ich kenn´ die ja gar nicht.

Möchtest Du irgendwann mal zurück dahin, dort leben oder so?
Oh Gott. ... (sie überlegt) Also leben glaube ich nicht mehr, weil das will ich auch meinen
Kindern gar nicht antun, wenn´s dann soweit wär', weil wir haben das schon so erlebt und
meine Eltern.... und dann mußt du ja wieder die Sprache lernen und ich kann sie jetzt ja auch
nicht so perfekt. Schreiben kann ich ja auch nicht .... Auch wenn du  Kinder hast, die hier schon
ein paar Jahre gelebt haben und dann in ein fremdes Land kommen, das ist dann auch nicht so
schön für die.
Also wenn ich überhaupt nochmal nach Rußland will, dann nur um sich das alles noch mal
anzugucken. Unser Haus, wo ich zum Kindergarten gegangen bin und all sowas .......
aber das ich da leben will... auch die Verhältnisse, dass kannst du gar nicht vergleichen.
Hier hast du soviel und da hast du gar nichts. Wo meine Mutter gearbeitet hat, da konnte sie
sich vom Monatslohn vielleicht mal ein Paar Stiefel leisten und das war´s.

Dankeschön, dass du mir das alles erzählt hast.
Bitteschön.
 

Über die letzte Antwort, dass sie hier in Deutschland bleiben will, bin ich wirklich sehr froh,
denn ich glaube, ich werde auf der ganzen Welt nie wieder eine so tolle beste Freundin finden
und noch dazu mit solchen Locken.


Anja Krieger
Wilhelm-Normann-Berufskolleg Herford
AHR 98
Dezember 1999
a:\akirin10.htm