European Migration
Kurze Einführung zum Thema



 
 

Amerika-Auswanderung aus dem Kreis Herford im 19. Jahrhundert

von Birgit Rausch


Zwischen 1820und 1930 sind rund 6 Millionen Deutsche aus allen Regionen Deutschlands in die USA ausgewandert. Auch aus dem Ravensberger Land, d. i. die Region zwischen Bielefeld und Minden, sind Tausende von Menschen ausgewandert, davon ca. 90 % nach Nordamerika und nur wenige in andere Länder. Für den Kreis Herford kann eine Zahl von ca. 10.000 Menschen geschätzt werden, das ist ungefähr soviel, wie die Stadt Herford im Jahr 1865 an Einwohnern hatte, und ungefähr 1/7der Gesamtbevölkerung des Kreises in demselben Jahr.

Die Gründe für die Auswanderung waren in erster Linie wirtschaftlicher Art. Die bäuerliche Unterschicht des Ravensberger Landes, die sogenannten Heuerlinge, hattendurch Spinnen und Weben im Winter ihr Geld verdient, was ihnen im 19. Jahrhundert durch die Konkurrenz der englischen Maschinenspinnerei und –weberei unmöglich wurde. Einem Verfall der Löhne stand ein gleichzeitiger Anstieg der Lebensmittelpreise gegenüber, der durch mehrere aufeinanderfolgende Mißernten während der 40er Jahre verursacht war. Die Armut veranlaßte zunächst nur wenige Leute ab 1820 zur Auswanderung, wobei anfangs auch Ziele wie das heutige Ruhrgebiet oder das Fürstentum Lippe, die ja damals auch zum Ausland zählten, bevorzugt wurden. Nur wenige besonders Mutige wagten den Sprung über den Atlantik in ein völlig unbekanntes Leben. Aber schon bald schwoll die Auswanderungsbewegung lawinenartig an und erreichte im Jahr 1853 ihren absoluten Höhepunkt.

Der Auswanderungsvorgang selbst lief folgendermaßen ab: Der Auswanderungswillige Familienvater oder auch Einzelauswanderer ging zum Amtmann, das war im preußischen Staat die Verwaltungsebene über den Gemeinden, und beantragte, wie es genannt wurde, „die Entlassung aus dem Preußischen Untertanenverbande“. Der Amtmann notierte sich den Namen und die Daten der auswanderungswilligen Personen und nahm Stellung zu dem Antrag, insbesondere zur Militärpflichtigkeit der jüngeren Männer und ob eventuell Schulden vorhanden waren, deren Bezahlung man durch Flucht zu entkommen suchte. Er reichte dann den Antrag weiter an den Landrat in Herford, der wiederum den Vorgang an die Regierung in Minden schickte, wo dann die Entlassungsurkunde ausgefertigt und über denselben Dienstweg zurück an den Amtmann geschickt wurde, der sie dann dem Antragsteller nach Zahlung der üblichen Gebühren überreichte. Damit war der Weg zur legalen Auswanderung frei. Die Familie oder der Einzelauswanderer verkaufte alles, was nicht mitgenommen werden konnte, auch um das Geld zur Überfahrt zusammen zu bekommen, lieh sich vielleicht den Rest des Geldes für die Fahrtkosten bei Verwandten, und trat zunächst den Weg nach Bremen oder Hamburg per Weserschiff, später auch per Eisenbahn an.

Außer der legalen Auswanderung, wie ich sie soeben beschrieben habe, gab es natürlich auch eine hohe Zahl von illegalen Auswanderungen. Leute verschwanden einfach über Nacht, aus den verschiedensten Gründen. Viele junge Männer versuchten dem harten preußischen Militärdienst durch Auswanderung zu entgehen, wofür dann oft die zurückgebliebene Familie mit Geldbußen gestraft wurde. Manchmal wollte man auch vielleicht auch nur das Geld für die Gebühren sparen, die die Behörden für die Entlassungsurkunde verlangten.

In einigen Fällen wurden sogar arme Menschen oder Kriminelle, die der Gemeindekasse zur Last fielen, auf Kosten der Gemeinde nach Amerika geschickt und vom Gemeindepolizisten bis zum Schiff nach Bremen begleitet, damit sie auch bestimmt weg waren.

Man kann sich kaum vorstellen, wie verzweifelt Menschen gewesen sein müssen, die diesen Schritt wagten. Der normale Ravensberger Einwohner war zeit seines Lebens kaum aus seinem Dorf herausgekommen und kannte nur die Gegenden, die er zu Fuß erreichen konnte, wenn er nicht durch den Militärdienst in andere Länder gekommen war. In der Regel war die Auswanderung ein endgültiger Vorgang, denn nur wenige hatten die Aussicht, jemals wieder zurückzukommen. Das bedeutete oft den Abschied von Menschen, die nicht mitkommen konnten oder wollten, und von der Heimat, in der man sich auskannte. Vor den Menschen lag eine mehr als ungewisse Zukunft, eine gefährliche Schiffsreise über den Ozean, die viele nicht überlebten, und ein manchmal ebenso gefährliches Leben in der Neuen Welt; so forderten z. B. Indianerüberfälle oder Krankheiten wie die Cholera viele Menschenleben.

Da natürlich auch kaum einer der Auswanderer auch nur ein Wort Englisch sprach, ist es nur logisch, dass viele Auswanderer nach ihrer Ankunft in New York oder in New Orleans nicht irgendwohin reisten, sondern dorthin, wo sich schon Freunde, Nachbarn oder Verwandte angesiedelt hatten, die ihre Sprache sprachen und bei denen sie zunächst unterkommen konnten. Auf diese Weise entstanden viele neue „deutsche“ Ansiedlungen mit Namen, die oft die Herkunft der Auswanderer verrieten, wie z. B. New Paderborn, New Melle oder Hermann, wo sich Lipper aus der Gegend von Detmold niedergelassen hatten. In Quincy am Mississippi fanden sich viele Auswanderer aus Herford und Umgebung, vor allem aus Elverdissen, zusammen, gründeten dort eine eigene Kirchengemeinde, St. Jakobi, mit einem Pastor aus Valdorf. Noch heute finden sich bekannte Namen aus der hiesigen Gegend in Telefonbuch von Quincy wieder.

Obwohl viele Auswanderer in den Städten wie Quincy, St. Louis oder Chicago „hängen blieben“, war es doch das Ziel der meisten, eine eigene Farm zu erwerben. Die amerikanische Regierung stellte für wenig Geld Land zur Verfügung, das aber unter unvorstellbaren Mühen erst urbar gemacht werden mußte. Eine solche Familie lebte anfangs oft in einem Erdloch, bis man Zeit fand, sich eine Blockhütte zu bauen, in der meist auch das Vieh mit untergebracht war. Unwetterkatastrophen und wie schon erwähnt, Krankheiten oder Überfälle der Indianer, denen das Land weggenommen worden war, stellten ein ständiges Risiko dar. Trotz allen Mühen lohnte sich für die meisten schließlich die Reise nach Amerika, denn an harte Arbeit war man gewöhnt. Während man hier, in der Heimat, sich dabei kaum ernähren konnte, schafften es viele, sich eine neue Existenz und einen für damalige Verhältnisse ordentlichen Wohlstand zu erarbeiten, was bedeutete, jeden Tag genug zu essen zu haben, und das war mehr, als die alte Heimat ihnen bieten konnte.


09. Mai 2000
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