| European Migration |
von Birgit Rausch
Als ich im Januar 1981 die Betreuung des Kreisarchivs
Herford übernahm, fand ich zu meiner Freude bald heraus, daß
dort unter anderem die kompletten Auswanderungsakten des Landratsamtes
erhalten geblieben waren. Schon während meiner Tätigkeit am Staatsarchiv
Marburg hatte ich mich intensiv mit den dortigen Auswanderungsakten beschäftigt,
so daß ich in Herford daran anknüpfen konnte.
Leider befanden sich die Herforder Akten in einem
betrüblichen Zustand. Die Papierränder waren derart brüchig,
daß bei jedem Umblättern etwas vom Text verloren ging. In diesem
Zustand konnte ich sie keinem Benutzer vorlegen. Da mir damals weder eine
Restaurierungswerkstatt noch ein Computer zur Verfügung standen, blieb
mir nur eine Möglichkeit, um die wertvollen Informationen zu sichern:
ich begann, auf Karteikarten im DIN A 6-Format die Namen, Geburtsdaten,
Herkunftsorte, Auswanderungsziele, Berufsbezeichnungen usw. der genannten
Personen aufzuschreiben, mit dem Ziel, die Benutzung der Akten ganz überflüssig
zu machen. Im meiner Absicht bestärkt wurde ich, als 1981 der erste
Band der "Westfälischen Auswanderer aus dem Regierungsbezirk Minden"
erschien, in dem die Herforder Auswanderungsakten offenbar nicht berücksichtigt
worden waren.
Im Laufe der Zeit hatte ich so Hunderte von Karteikarten
beschrieben und alphabetisch sortiert, so daß ich in der Lage war,
Anfragen nach Auswanderern schnell zu beantworten. Mein Kollege Wolfgang
Silger fügte später aus den Akten über "ausgetretene Cantonisten"
- das sind Wehrpflichtige, die nicht zur Musterung erschienen waren - Daten
von illegal, das heißt ohne Auswanderungskonsens nach Amerika ausgewanderten
jungen Männern hinzu; in die Kartei eingearbeitet wurden außerdem
die im dem o. a. Buch über westfälische Auswanderer genannten
Namen von Auswanderern aus dem Kreisgebiet sowie einige Daten aus einer
Akte im Stadtarchiv Spenge.
Der Kreisheimatverein entschloß sich, die
Daten der Amerikaauswanderer in seiner neu gegründeten Schriftenreihe
"Wittekindsland" zu veröffentlichen. Der erste Band erschien im Juni
1987 und enthielt die Namen der Amerika-Auswanderer aus dem Ämtern
Enger und Spenge, sowie einige Aufsätze über das Thema Auswanderung.
Im zweiten Band , erschienen im November 1988, wurden die Auswanderer aus
Herford, Hiddenhausen und Vlotho veröffentlicht, im dritten Band,
erschienen im September 1990, die Auswanderer aus den Ämtern Bünde,
Rödinghausen, Kirchlengern und Gohfeld-Mennighüffen. Zum 2. Band
gab es auch eine ins Englische übersetzte Version, die vor allem für
unsere amerikanischen Freunde in Quincy bestimmt war.
Inzwischen hatte sich nämlich herausgestellt,
daß ein Teil unserer Auswanderer nicht für immer hinter dem
sog. "Salzwasservorhang" verschwunden war, sondern sich am Ufer des Mississippi
im Staate Illinois in der Stadt Quincy angesiedelt hatte. Tatsächlich
enthält auch heute noch das Telefonbuch von Quincy viele altbekannte
Herforder Namen. Besuche in Quincy und aus Quincy knüpften ein Band
der Freundschaft zwischen den beiden Städten, die 1993 zur Gründung
des "Deutsch-Amerikanischen Freundeskreises Herford-Quincy" führte,
der sich seitdem bemüht, die gegenseitigen Kontakte weiter zu intensivieren.
Als im Kommunalarchiv Herford endlich auch die Computertechnik
Einzug hielt, wenn auch nur mit damals schon veralteten Geräten, dauerte
es nicht lange, bis ich begann, die Auswandererkartei als Datenbank auf
meinem PC zu speichern. Diese Datenbank, mit der ich auch heute noch arbeite,
ist anhand des "Notizbuch"-Programms aus dem Word-Perfect-Office 5.1-Paket
mit einer selbst erstellten Maske entstanden und enthält mittlerweile
7272 Datensätze mit den Spalten Name, Vorname, Rufname, Herkunftsort,
Geburtsort, Geburtsdatum, Auswanderungsjahr, Auswanderungsziel, Angaben
zur Familie und sonstige Bemerkungen. Die Datei paßt mit ca. 1,3
MB gerade noch auf eine normale Diskette !
Eine wertvolle Erweiterung erfuhr die Datei durch
die 1989 an das Kreisarchiv übersandten Mikrofilme der ersten Kirchenbücher
der St.-Jakobi-Gemeinde in Quincy und des ersten Mitgliederverzeichnisses
dieser Gemeinde, die 1851 gegründet wurde, deren Mitglieder zu über
50 % aus dem Kreis Herford stammten, und deren erster Pastor ebenfalls
aus dem Kreisgebiet ausgewandert war. Die Kirchenbücher lieferten
nicht nur viele neue Namen für die Auswandererdatei, sondern auch
ergänzende Informationen zu bereits bekannten Namen.
Gelegentlich taucht während meiner täglichen
Archivarbeit noch mal ein kleines "Bröckchen" auf, mit dem ich die
Auswandererdatei ergänzen kann. Im Allgemeinen kann die Arbeit an
dieser Datei jedoch als abgeschlossen betrachtet werden.